Raw vegan Experiment Vegan Tuerkei

Das 14-Tage Rohkost Experiment / Türkei

Es zieht dich in die Ferne, doch du bist der Meinung, dass du dir längere Auslandsreisen nicht finanzieren kannst? Oder reist du alleine aber willst Land und Leute intensiver erleben. Willst du neu Skills erlernen und erfahren, wie man Wein keltert, einen ökologischen Betrieb führt oder sich in sozialen Projekten engagieren kann? Dann ist dieser Artikel vielleicht etwas für dich. Nein, ich weihe dich nicht in die Kunst der Weinherstellung ein, aber gebe dir Einblicke in meine erste Erfahrung zum Workaway, eine ideale Form um Work und Travel miteinander zu vereinen.


Work and Travel? Das hatte ich immer im Zusammenhang mit Australien- und Kanada-Reisen wahrgenommen und mich daher nie wirklich damit auseinandergesetzt. Was mir damals jedoch nicht bewusst war: arbeiten kann man  einfach überall auf der Welt – ohne entsprechendes Visum nur meist nicht gegen Entlohnung. So gibt es international genutzte Netzwerke wie WWOOF  (world-wide opportunies on organic farms), Workaway und HelpX, die Reisende mit lokalen Betrieben, Familien und Menschen zusammenbringen, die  Hilfe bei jeglichen Arbeiten benötigen.  Wer bereit ist, ein paar Stunden (meist 4 bis 5 / 5 Tage pro Woche) des Tages seine Arbeitskraft bereitzustellen, bekommt im Gegenzug Verpflegung und ein Dach über dem Kopf (kann individuell ggf. variieren). Im besten Falle verbesserst du dabei noch deine Fremdsprachkenntnisse, kannst Freundschaften schließen und intensiv in die Kultur des Landes eintauchen. Der interessanteste Aspekt für mich ist dabei der intensivere Kontakt zu Einheimischen und anderen Reisenden, der über das Kontakteknüpfen in Hostels hinausgeht.


Spontan habe ich mich also während meiner 10 Tage in Istanbul auf gängigen Websites angemeldet (mein klarer Favorit ist Workaway.info ) und war von der Vielzahl an Angebote überwältigt. Ob Mitarbeit in einer Brauerei, Gärtnern auf zahlreichen Ökofarmen oder Hundesitting in Istanbul. Alles scheint möglich.

Nachdem ich die Suche mit dem Keyword vegan begrenzt hatte, reduzierten sich die Angebote auf eine überschaubar einstellige Zahl. Besonders eine Anzeige rief aber förmlich nach mir: A Raw Vegan Farm and Cooking School. Wie cool ist das denn bitte??

Zwei Wochen später fand ich mich auf dem Weg in die Berge von Kartepe wieder, einer Region unweit vom Schwarzen Meer. Da ich jedoch weder Türkischkenntnisse, eine funktionierende SIM-Karte, noch eine exakte  GoogleMaps-Lokalisation vorweisen konnte, gestaltete sich die Busfahrt dahin zu dem kleinen Abenteuer. Glücklicherweise stellten sich diese Umstände nur als mittelschweres Problem heraus: Erstens, weil ich auf kontaktfreudige und nette Türken traf, die kurzerhand in der Farm anriefen um sich den Weg zu meinem Ziel erklären zu lassen und zweitens, weil gefühlt jeder Dritte im Umkreis von 10 Kilometer Mehmet (den Betreiber der Farm) persönlich zu kennen schien.

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Perfekter Ausblick um 6 Uhr morgens in den Tag zu starten.

Die ökologisch geführte Farm befindet sich ziemlich versteckt in einer ländlichen Region im Norden der Türkei und wird von Mehmet betrieben, der nicht nur passionierter Koch und Gärtner, sondern auch ein ausgeprägter Visionär ist. Sein Wissen über die rohvegane Küche geht weit über die eines Hobbykoches hinaus. Nachdem er von einen auf den anderen Tag sein omnivores Essen auf Rohkost umgestellt und sein Übergewicht verloren hatte, strebt er nun danach, sein Wissen an andere Menschen weiterzugeben und mit seiner Geschichte zu inspirieren. Vor einigen Jahren noch betrieb er sehr erfolgreich ein rohveganes Restaurant in Chicago und verwöhnte als Küchenchef die Gaumen seiner Gäste. Weil es ihn jedoch zurück in die Türkei  zog, beschloß er, mit  Raw Gourmet International (RGI) die Idee der rohöstliche Küche auch in seiner Heimat auszubreiten. Ob als komplettes Detoxprogramm oder im Kochkurs: heute kann jeder bei Mehmet lernen, gesund und lecker rohe Lebensmittel zuzubereiten und seinen Körper mit dem besten Zutaten zu verwöhnen.

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Besuch auf dem lokalen Markt.

Bislang habe ich zwar bereits mehr als 1 Jahr vegan gegessen, mich aber noch nie mit Rohkost intensiv auseinandergesetzt. Ich betrat also für meine 2-wöchige Voluntärzeit völliges Neuland, ähnlich wie die übrigen 3 Reisenden, die zeitgleich mit mir dort arbeiteten.

Der Tag begann für uns um 6 Uhr morgens mit 90 Minuten Joga und Meditation. Dass dies am Anfang eher mäßige Begeisterung bei mir auslöste, muss wohl nicht erwähnt werden. Mein Fazit nach den 2 Wochen: es gibt für mich kein besseres Morgenritual und ich stehe nun  (meist) freiwillig um 6 Uhr auf – auch ohne Verpflichtungen zu haben.

vegan retreat roh vegan essen

Nachdem wir uns zum Frühstück meist einen großen (grünen) Smoothie mixten, starteten wir motiviert in den Arbeitstag: der Garten musste gewässert werden, die Beete bepflanzt und Kräuter gesammeln und getrocknet werden – zu tun gab es genug.

Wenn sich später alle zu einem gemeinsamen Mittagessen treffen, taucht dann jeder einzelne von uns wieder tief in die neue Welt der Rohkostküche ein.

Wir lernten neue Lebensmittelkombinationen, Gewürze und Zubereitungsarten kennen, „kochten“ miteinander und bekamen unsere Fragen beantwortet. Muss man denn wirklich Unmengen an Essen zu sich nehmen um ein guter Rohköstler zu sein um seine Kalorienaufnahme zu decken? Ist es denn wirklich nötig, 25 Bananen am Tag zu essen, wie man es so häufig zu sehen bekommt? Welche Zutaten zaubern den Geschmack von Gekochtem ins Essen? Kann man die Schale der Wassermelone tatsächlich essen? Und wieso weicht man Nüsse ein, bevor sie genutzt werden?…

Doch nicht nur unser kulinarischer Horizont erweitert sich. Mit Mehmet haben wir auch bei den alltäglichen Problemchen einen kompetenten Ansprechpartner.

Als Voluntärin Eli über undefinierbares Unwohlsein am Morgen klagt ist Mehmets Antwort klar: es gibt Gewürznelken – und zwar für alle! Ein bis drei der am anfangs ziemlich intensiv schmeckenden Blütenknospen verstaut daraufhin jeder in seinem Mund, unter die Zunge oder zwischen Vorderlippe und Zähne geklemmt. Nicht gerade sexy, aber wenns hilft…Immerhin wird diesen kleinen Dingern eine verdauungsfördernde, appetitanregende und entzündungshemmende Wirkung nachgesagt. Und wenn die Nelken nach einer Weile nicht mehr zu spüren sind, kann man sie beliebige Zeit im Mund belassen, dabei essen und trinken.

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Typisches Dinner: Spring Rolls oder Burritos

Mein Fazit

Ich muss gestehen, dass ich zunächst Bedenken hatte, ob mich diese „normal“ großen Mahlzeiten überhaupt sättigen würden, zumal wir alle körperlich aktiv waren und zudem noch täglich 1 Stunde Joga (das zähle ich mal als Sport) praktizierten. Doch zu meinem Erstaunen hatte ich weder Heißhunger noch sonstige Gelüste. Sogar Süßigkeiten vermisste ich kein bisschen (ziemlich ungewöhnlich!), was aber vielleicht auch daran lag, dass wir lernten großartigen Lemon-Cheesecake, Brownies und Eis selber zu machen. Brot, Burger, Suppen oder Pralinen – all das geht auch wunderbar ohne Kochen und mit unverarbeiteten, puren Produkten.

Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Ich habe noch nie so viel Grünzeug gegessen, wie in diesen 2 Wochen. Und ich fühle mich sehr gut damit! Nicht fantastisch, neu geboren oder wie ein Übermensch, aber doch definitiv besser als vorher! Ich bin überrascht von der Vielfalt auf meinem Teller und den Möglichkeiten der Rohkostküche. Obwohl wir auf Mehmets Farm auch die fancy, schick aufbereiteten Dinge zubereiteten, die locken so im Restaurant serviert werden können, sollte das nicht der Maßstab einer alltäglich rohveganen Ernährung sein. Denn auch ein rohveganer Schokoladenbrownie  bleibt eben eine Kalorienbombe, auch wenn es gesündere Fette und Inhaltsstoffe enthält als sein herkömmlicher Verwandter. Eine ausgewogene Mischung macht es und genau das nehme ich als Erfahrung mit: EAT MORE GREENS! – easy zubereitet für den Alltag und die Gourmetvariante für besondere Anlässe.

Richtig angegangen, kann der Körper nur davon profitieren, so viel wie möglich pures, frisches Essen zu bekommen, frei von Zusätzen, industrieller Verarbeitung und ohne Vitaminverlust und Denaturierungsprozesse beim Kochen.

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Absolutes Lieblingsessen: Gemüse in Teriyakisosse (oben). Unten: „Brot“ mit Salsa und Sprossen.

Mit unserem neugewonnenen Know-How sollten wir es nun selbst versuchen: 4 Wochen Rohkost – das ist unsere Challenge als wir uns von Mehmet verabschieden. Ich will es durchhalten, wirklich!


Zehn Tage später reiste ich dann weiter nach Israel. Und Pitabrot und Hummus durchkreuzen meine Rohkostpläne…

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Die gesündere Alternative: rohveganer Cheesecake, Pralinen und saftige Brownies.

Doch ich fühle mich fit, energiegeladen und gesund und dieses Gefühl möchte ich definitiv beibehalten. Tatsächlich steht seither mindestens eine komplette Rohkost-Mahlzeit auf meinem Speiseplan. Insbesondere mittags liebe ich es, roh zu essen und damit einem Mittagstief zu umgehen!

Ich kann es nur jedem einmal ans Herz legen, es auszuprobieren. Einen Tag, eine Woche oder einfach nur mehr Rohkost im Alltag. Mehr von dem essen, was uns die Natur schenkt, was unbehandelt ist und noch voller Energie steckt.

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Mit Liebe zubereitet: Merve ist angehende Küchenchefin und zauberte die köstlichsten Gerichte auf unseren Teller.

Erzählt mir von Euren Erfahrungen! Habt ihr euch schon einmal nur rohköstlich ernährt? Seit ihr völlig begeistert oder seid ihr überzeugt, ihr könntet niemals auf Kochen verzichten?

P.S.: Das Prinzip von Workaway und Co. kann ich wirklich empfehlen. Es ist eine großartige Sache um Land und Leute besser kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Ich bin mehr als dankbar, daß ich solch tolle Menschen kennenlernen durfte, mit denen ich sicher noch lange Kontakt halten werde.

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